Eurasien - Politik

© DIPLOMATIE GLOBAL 2013
| Kontakt| Über uns| Links

Anfang April finden in Kirgistan die nächsten Wahlen zum Leiter der Geistlichen Verwaltung der Muslime statt. Wer wird das Muftiat führen? Die Geistliche Verwaltung der Muslime ist eine solide Versammlung. Sie ist für den inhaltlichen Teil der Predigten in den Moscheen des Landes sowie für die Ausbildung in den geistlichen Einrichtungen in ganz Kirgistan verantwortlich. Deshalb ist die Person an der Spitze der Verwaltung wichtig.  

In letzter Zeit wurde die Verwaltung oft kritisiert. In erster Linie wegen der Verbreitung der in mehreren Ländern verbotenen, als extremistisch geltenden, Bewegung „Tablighi Jamaat". Im Laufe der letzten Jahre reisten Dutzende von jungen Kirgisen zur Ausbildung im Rahmen der „Tablighi Jamaat" nach Pakistan, Indien und Bangladesch. Dabei gehen zur Ausbildung nicht nur Erwachsene, sondern auch 10-15-jährige Jugendliche. Und dies mit voller Zustimmung der Verwaltung. Vor ein paar Jahren beschuldigten die kirgisischen Geheimdienste die Geistliche Verwaltung der Muslime der Verabredung mit der Bewegung „Tablighi Jamaat" über das Vorantreiben des Programms für die Ausbildung der minderjährigen kirgisischen Kinder in den Ausbildungszentren der „Tablighi" in Bangladesch.  

Es wäre nicht so dramatisch, wenn sich die „Tablighi"-Bekenner mit der Zeit nicht in radikale Extremisten verwandelt hätten. Im letzten Jahrzehnt sind in Kirgistan Konfrontationen zwischen den politischen Opponenten zu beobachten und die islamische Rhetorik könnte im Machtkampf ausgenutzt werden. So was haben wir bereits in Ägypten und Libyen verfolgt. Zum äußerlich natürlichem Erscheinen der religiösen Gefühle schließt sich die politische Rhetorik an. So ist auch der sogenannte IS entstanden. Die Experten behaupten, dass die „Tablighi"-Anhänger die wichtigsten Akteure bei den tragischen Ereignissen im Frühjahr 2010 in Kirgistan waren. Manche Experten betonen die unrühmliche Rolle der „Tablighi"-Anhänger bei den tragischen Ereignissen.

Wenn man das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Verbreitung der Ideen der „Tablighi Jamaat" im Land sowie das Verhalten der Geistlichen Verwaltung der Muslime vergleicht, so kann man folgende Tendenz beobachten: während der letzten drei Jahre trat die Geistliche Verwaltung nie gegen die „Tablighi"-Präsenz in Kirgistan auf. Außerdem hat die Verwaltung eine Abteilung, die die Predigttätigkeit der „Tablighi"-Bekenner im Land reguliert und die Prediger von „Tablighi Jamaat" erhalten von der Verwaltung und vom Innenministerium die Erlaubnis, die Predigten in einer bestimmten Moschee eines bestimmten Bezirks durchzuführen. Heutzutage ist die „Tablighi" nicht nur eine „importierte Bewergung", sie haben sich mittlerweile an die traditionelle kirgisische Kultur angepasst und unterscheiden sich mit ihrer Kleidung von den anderen Kirgisen nicht. Sie predigen aber kein Islam, der für das Land traditionell ist.  

Diese Vernachlässigung führte in Kirgistan zum Entstehen einer anderen religiösen Bewegung mit dem Namen „Jakyn Inkar". Nach Schätzung von Experten ist diese Bewegung 2013-2014 im Issyk-Kul-Gebiet entstanden. Die neue religiöse Bewegung ähnelt den Salafiten in Saudi Arabien, orientiert sich also am Lebensstil und Glauben der frühen muslimischen Gemeinde und tritt gegen jede Neuerung im Leben der Muslime auf. Die „Jakyn Inkar"-Anhänger akzeptieren keine Gesetze, die die religiöse Tätigkeit regulieren. Sie arbeiten nicht und ein schmutziges äußeres Erscheinungsbild, wie ein langer Bart, nichtgewaschene Füße und pakistanische Bauernbekleidung sind ihre Visitenkarte. Sie sind ohne Ausbildung, akzeptieren keine säkularen Wissenschaften, benutzen kein öffentliches Transportmittel und nehmen Geld nicht in die Hand.  

Eigentlich sind die Anhänger der „Jakyn Inkar" Fanatiker, und zwar der nichttraditionellen Form des Islam, sie sind Gegner der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung und der nationalen Traditionen des Landes. Das Schlimme ist, dass die Reihen der „Jakyn Inkar" immer breiter werden, immer mehr Jugendliche, insbesondere aus den Dörfern, bekennen sich zur Bewegung. Und das ist die radikale Schicht der Gesellschaft. Aus den Gebieten des Landes, wo „Jakyn Inkar" verbreitet ist, reisen mehr Menschen nach Syrien, als aus anderen. Das heisst, diese Menschen teilen die Ideen des sogenannten IS.

Die Geistliche Verwaltung der Muslime sagt dazu, sie würde genauer hinschauen und finde nichts Schlimmes in den Predigten. Die Justizorgane beschränken sich nur auf die Beobachtung und die Erteilung von Strafen für illegle Proteste. Das heißt, dass wegen der Vernachlässigung der Verwaltung im Land die Vielfalt der extremistischen Bewegungen aufblüht. Die Verwaltung, anstatt Alarm auszulösen und das religiöse Wissen zu erweitern, beobachtet nur die potentiellen Extremisten.  

Anfang April wird der neue Mufti in der Geistlichen Verwaltung der Muslime gewählt. Der Kandidat soll eine religiöse und weltliche Ausbildung haben, die Gesetzgebung in Kirgistan kennen, nicht weniger als 3 Jahre in der Verwaltung oder in anderen religiösen Versammlungen tätig gewesen sein, keinen kriminellen Hintergrund haben sowie Ansehen unter der Bevölkerung genießen. Unter den Wahlkriterien zu den Kandidaten gibt es kein Wort über die Ansichten des Mufti und über die „richtige religiöse Politik". 

Heute gibt es nach den oben erwähnten Kriterien zwei Kandidaten. Der Erste ist der heutige Mufti Maxat Azhy Toktomuschev. Er ist 2014 Leiter der Verwaltung geworden. Der Zweite ist Chubak azhy Shalilov. Er war der Verwaltungsleiter von Juli 2010 bis Juli 2012, ist ein gelehrter Theologe, hat einige Bücher herausgegeben und kennt das muslimische Recht und kann Tafsir vom Koran und andere theologische Fächer unterrichten. Während seiner Tätigkeit wurde die Zusammensetzung der Geistlichen teilweise in der ganzen Republik erneuert. Shalilov organisierte Fortbildungskurse für die Imame und attestierte alle religiösen Dienstleistungen. Er prüfte die Inhalte und Texte aller Predigten. Diese Art von Kontrolle der Predigten ermöglicht die Weltanschauung und Denkungsart der Gläubigen nicht nur in religiöser, sondern auch in politisch-gesellschaftlicher Hinsicht zu formen. So kann man die Stellung des Muftiat gegenüber den heiklen Fragen von staatlicher Bedeutung vermitteln und die Arbeit gegen die extremistischen Strömungen besser koordinieren. In der heutigen Situation des religiösen Nihilismus in Kirgistan wäre es sinnvoll, an die Spitze des Muftiats eine Person zu wählen, die alle Bemühungen zum Kampf gegen die radikalen und extremistischen Strömungen richtet, damit sich Kirgistan nicht in einen Kriegsherd wie Libyen und Syrien verwandelt.


Der religiöse Extremismus wächst in Kirgistan



Christian Hellberg
Ende März 2017
  Unbenannte Seite
tell a friend
tell a friend